Rich User Experiences PDF Print E-mail

Bereits seit Pei Wei’s Browser “Viola” (1992) wurde das Web zur Auslieferung von Applets und anderen Arten von aktiven Inhalten im Browser genutzt. Bei der Einführung von Java im Jahre 1995 bildeten die Applets die Kernanwendung, der “Rest” wurde um sie herum gebaut. JavaScript und DynamicHTML wurden als leichtgewichtigere Ansätze hinzugefügt, um clientseitige Programmierung und bessere Benutzerführung, genannt RUEs (Rich User Experiences), zu ermöglichen. Einige Jahre zuvor prägte Macromedia den Ausdruck “Rich Internet Applications” um hervorzuheben, dass Flash nicht nur Multimedia-Inhalte ausliefern, sondern auch GUI-artige Anwendungsoberflächen ermöglicht.

Allerdings wurde das wahre Potential des Web in Bezug auf die Bereitstellung vollwertiger Anwendungen dem Mainstream erst mit Gmail bekannt, dicht gefolgt von Google Maps. Beides sind webbasierte Anwendungen, die sich hinsichtlich Interface und Interaktionsmöglichkeiten kaum von einem Desktop-Programm unterscheiden. Die dabei von Google verwandte Technologie wurde “AJAX” getauft, ursprünglich von Jesse James Garrett von der Webdesign-Firma Adaptive Path. Er schrieb:

“Ajax ist keine einzelne Technologie. Ajax beinhaltet mehrere Technologien, jede mit ihrer ganz besonderen Daseinsberechtigung, die auf neue und mächtige Weise miteinander verbunden wurden. Im einzelnen handelt es sich um:

  • standardgerechte Präsentation mit XHTML und CSS
  • dynamische Anzeigen und Interaktivität mittels des Document Object Models (DOM)
  • Datenaustausch und -manipulation mit XML und XSLT
  • asynchrone Datenabfrage unter Verwendung von XMLHttpRequest
  • und schließlich JavaScript, das all dies zusammenbringt”

Ajax ist mittlerweile eine Schlüsselkomponente von Web-2.0-Anwendungen wie Flickr (inzwischen Teil von Yahoo), basecamp und backpack von 37signals sowie Google’s Gmail und Orkut. Wir erleben hier eine nie dagewesene Innovation im Bereich der User Interfaces, da Webentwickler nun endlich in der Lage sind, Applikationen mit der Mächtigkeit lokaler, PC-basierter Anwendungen zu erstellen.

Interessanterweise gibt es viele der nun näher erkundeten Möglichkeiten schon seit Jahren. In den späten 90ern dachten Microsoft und Netscape bereits intensiv über all dies nach, die Realisierung scheiterte aber an ihren Streitigkeiten über die Standards. Dies machte browserunabhängige Programme nahezu unmöglich. Als Microsoft den Kampf schließlich gewonnen hatte und es einen de-facto-Standardbrowser gab, wurde die Verwirklichung der Ideen möglich. Und obwohl Firefox wieder mehr Wettbewerb in den Browsermarkt gebracht hat, gibt es zumindest bis dato keinen ähnlich forschrittshemmenden Kampf wie in den 90ern.

Wir erwarten in den nächsten Jahren viele neue Webanwendungen, sowohl völlig neu erdachte als auch Reimplementierungen von Desktop-Programmen. Jeder Plattformwechsel bringt auch die Möglichkeit eines Führungswechsels bei den dominierenden Anwendungen mit sich.

Gmail bietet bereits einige sehr interessante Innovationen im Bereich E-Mail, indem es die Stärken des Web (Ortsunabhängigkeit, tiefgreifende Datenbankfähigkeiten, Durchsuchbarkeit) mit einer Benutzerschnittstelle kombiniert, die in Sachen Usability an bekannte PC-Interfaces heranreicht. Währenddessen gehen die konventionellen Mailklienten das Problem von der anderen Seite an, indem sie Instant Messaging, Buddylists und Statusicons hinzufügen. Wie weit sind wir noch entfernt vom “vollkommenen” Kommunikationsprogramm, welches das Beste aus E-Mail, IM und Handy vereint, indem u.a. die Sprachfunktionen per VoIP zu den Anwendungen hinzugefügt werden? Das Rennen hat begonnen.

Das Adressbuch der Zukunft wird lokale Adressbücher von PC oder Telefon nur noch als Zwischenspeicher für die jeweils explizit benötigten Kontakte verwenden, während im Hintergrund ein webbasierter Synchronisierungsprozess jede Nachricht, E-Mail-Adresse und Telefonnummer speichert. Daraus entsteht ein eigenes soziales Netzwerk, das jederzeit auch mit heuristischen Abfragen zu Rate gezogen werden kann, wenn die gewünschten Daten im lokalen Cache nicht vorhanden sind.

Eine Textverarbeitung des Web 2.0 wird kollaboratives Schreiben á la Wiki unterstützen, nicht nur Standalone-Dokumente. Ebenso müssten die von gewöhnlichen Textverarbeitungen bekannten Formatierungsmöglichkeiten gegeben sein. Writely ist ein gutes Beispiel hierfür, auch wenn sich seine Verbreitung bislang eher in Grenzen hält.

Das Web 2.0 muss nicht auf PC-Anwendungen beschränkt bleiben. Salesforce.com zeigt, wie das Web auch für klassische Unternehmenssoftware genutzt werden kann, z.B. für das Customer Relationship Management.

Die Chance für neue Markteinsteiger liegt darin, das gesamte Potential von Web 2.0 auszuschöpfen. Erfolgreiche Unternehmen erstellen Anwendungen, die von ihren Benutzern lernen, um einen entscheidenden Vorteil zu haben. Nicht nur in der Benutzeroberfläche, sondern vor allem im Wert der gemeinschaftlich erzeugten Daten.

Aktualisiert am 14. NOVEMBER 2008